Wie immer um diese Zeit…

…bin ich sehr nachdenklich. Am 7. Mai 2004 starb meine Mum und manchmal entsetzt es mich immer noch, daß sie so früh und jung verstarb. Ich ging nach ihrem Tod durch viele Phasen. Wenn ich auf einige Freunde gehört hätte, die schon sehr früh meinten, daß die Trauerphase nun abgeschlossen werden müsste, hätte ich niemals diese Erkenntnisse, diese Gedanken erlebt. Ich betrachte diese als ein Geschenk.

Ich habe niemals geheuchelt. Alles war nun nicht so toll, aber ändert auch nichts daran, daß ich sie geliebt habe. Ich saß auch niemals depressiv in einer Ecke oder habe mich abgeschottet und verkrochen. Aber ich habe sie geliebt. Meinen Freundeskreis habe ich nach einigen Monaten selektiert. Nicht weil ich böse auf meine Freunde war, eher primär weil ich mich veränderte.

Ich war eine Tochter und nun ist dort niemand mehr. Ich bin die letzte Frau XY.
Das Bewusstsein meine Mutter niemals wieder zu hören, ihre Gedanken nie mehr zu erfahren, daß es keine Veränderungen mehr in ihrem Leben gibt, tut mir manchmal heute noch weh. Und wie egoistisch das nun auch sein mag, aber ich fühle mich auch beraubt. Beraubt darüber, daß ich meine Mutter nicht im Jetzt erleben darf. Das ich niemals erfahren werde, wie sie sich in ihrem Älter werden verändert hätte. Und ich habe Fragen an sie. Fragen, die eben jetzt erst mein Leben betreffen und von denen ich vor 6 Jahren noch nichts wusste.

Ich habe einige 100 km v. meiner Mutter entfernt gewohnt und in der ersten Zeit hatte ich tatsächlich den Telephonhörer in der Hand um ihr etwas zu berichten. Ich habe dann zwar nicht gewählt, da mir rechtzeitig einfiel das sie tot ist, aber wenn mir das jemand zuvor erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Ich habe erst vor 2 Jahren die Telephonnummer aus meinem Adressbuch gelöscht. Und ich habe mir einen neuen AB gekauft. Auf dem anderen ist noch meine Mum zu hören…

Meine Mutter kämpfte 2¾ Jahre gegen den Krebs. Von Beginn an befand sie sich im finalen Stadium. Mammakarzinom. Der Chefarzt prognostizierte noch 2, 3 Monate, keinesfalls länger. Da war schon eine offene Wunde durch die der Tumor sichtbar wurde. Aber sie kämpfte und verlängerte ihr Leben um fast 3 Jahre. Das muss einen enormen Kraftaufwand erfordert haben. Jeden Tag setzte sie sich mit der offenen, blutenden Wunde auseinander die sie selbst verpflegte. Und jeden Tag spürte sie, realisierte sie das ihr immer weniger Kraft, immer weniger Leben zur Verfügung stand. Einen jeden Tag lebte sie mit dem Tod. Dieser Tod ist so etwas Gewaltiges. So groß und endgültig. Ich mag keine Phrasen wie: Der Tod gehört zum Leben oder ähnliches. Diese Phrasen beinhalten nicht das Leben. Sie wertschätzen ein Leben nicht. Einfach nur ein hohler Satz.

Mum starb mit einem Lächeln. Und in voller Würde. Das war ihr wohl wichtig. Meine Schwester und ich waren bei ihr. Ich habe noch die letzte ¼ Stunde mit meiner Mum zusammen geatmet, da sie kaum Luft bekam. Dann lächelte sie mich an. So voller und reiner Liebe. Niemals zuvor hatte ich meine Mutter so frei gesehen.

Ich weiß noch, wie merkwürdig ich es fand, daß um mich herum der Alltag weiter ging. Wie konnte denn ein Alltag stattfinden ohne das meine Mutter an diesem jemals wieder teilhaben wird? Das sie nie wieder Alltäglichkeiten erleben wird. Nie wieder essen wird, ich sie nie wieder sehen und hören werde wie sie sich über die Nachrichten, die Politik oder alles mögliche Leben aufregen wird. Ich sie nicht mehr lachen hören werde. Ich sie nie mehr berühren werde.

Ich glaube heute zu wissen, daß ich meine Mutter mein ganzes Leben vermissen werde. Ich habe akzeptiert das sie tot ist, aber sie wird immer meine Mum bleiben.
Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo und niemand hat irgendjmd vorzuschreiben wie intensiv oder wie lange er zu trauern hat. Aber Jeder hat alle Rechte selbst zu entscheiden.
Manchmal spüre ich meine Mum ganz intensiv. Anfangs hat mir das Angst bereitet, heute ist es ok.

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